Texte

edition ERINNERUNGSLANDSCHAFTEN (copydrawings 3)
Margarete Lindau, 2018

Die edition ERINNERUNGSLANDSCHAFTEN erscheint anlässlich der Ausstellung "Will Sohl – Artists' Books Reloade" vom 22.6. bis 26.8.2018 in Port25 – Raum für Gegenwartskunst, Mannheim. Jedes Buch ist ein Unikat.

Ich widme einer Vielzahl von Menschen ein jeweils unverwechselbares Buch. Es enthält Bilder, die den Eindruck gemeinsamer Erinnerungen erwecken. Zu diesem Zweck habe ich die copydraw-Maschine konzipiert. Dabei handelt es sich um einen Zufallsgenerator, der meine Bilder für jedes einzelne Buch immer neu zusammenstellt. Die copydraw-Maschine ermöglicht es so, die Form des Künstlerbuchunikats mit der Idee einer Edition zu verknüpfen und den AusstellungsbesucherInnen ein jeweils individuelles Buch zukommen zu lassen.

Im Ausstellungsraum befinden sich auf einem Arbeitstisch die copydraw-Maschine, ein Laserdrucker, ein Falzbein und ein Hefttacker. Der/Die AusstellungsbesucherInnen bedienen die copydraw-Maschine per Touchscreen: aus einem Register können sie die Erinnerungen für das eigene Künstlerbuch aussuchen. Den im Register aufgeführten Schlagworten ist ein Pool gezeichneter Bildfragmente  zugeordnet, die als Erinnerungen an Stimmungen, landschaftliche Formationen, oder meterologische Erscheinungen lesbar sind. Anschließend werden von der copydraw-Maschine die Bildfragmente, die den ausgewählten Themengruppen zugeordnet sind, miteinander kombiniert und für die Edition angeordnet. Die entstehenden Zeichnungen sind also aus mehreren Teilzeichnungen zusammengesetzt – so wie sich auch Erinnerungen stückchenweise und sich assoziativ überlagernd in unser Bewusstsein schieben können. In der grafischen Umsetzung dieser Erinnerungslandschaften können sich zeichnerische Momente, wie Linien, Flächen und grafische Strukturen verselbstständigen. Das Titelblatt wird mit dem eigenen Namen, mit einer persönlichen oder pseudopersönlichen Widmung versehen: FÜR…. Die Buchseiten werden direkt vor Ort ausgedruckt, gefalzt und anschließend zu dem eigenen, persönlichen Heft zusammengetackert. Die fertigen Hefte der Edition Erinnerungslandschaften werden den AusstellungsbesucherInnen von mir geschenkt.



Aus: Wiesbadener Tagblatt, 22.05.2015
Galerien-Rundgang bei Hafemann, Pokusa und in der Gallery 21
Angelika Wende

(...) Reduktion, Minimalismus, beseelt von der Faszination für die Linie, so könnte man das Wesen der Arbeiten Margarete Lindaus in der Galerie Hafemann benennen. Die zarten Zeichnungen und Radierungen der Meisterschülerin der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig berühren durch die Ästhetik des Schönen. Lindau zeichnet Linien, sich biegende, sich verknäulende, sich ausweitende, ausbreitende, sich neben- und übereinanderlegende, sich kreuzende, sich fächernde, sich parallel verdoppelnde Linien, vorzugsweise mit dem Lineal, und immer sind sie in Bewegung. Die Meisterschülerin arbeitet sensibel und präzise, zugleich explorativ. Und es scheint, das im Kern zu Entdeckende, könnte das ordnende Prinzip sein. (...)


Aureolen und Himmelsleitern
Margarete Lindau 2013

Am Lineal entlang ziehe ich scharfe Bleistiftstriche. Ich verschiebe das Lineal immer parallel für zwei Striche und fächere sie danach auf. Durch diesen mechanischen Prozess entstehen Bündel, Formen und plastisch wirkende Gebilde. Das Auge verbindet, erinnert sich: Strahlen, Flügel, Aureolen und Himmelsleitern. Die Himmelsleitern kann man besteigen. Zwischen den Sprossen ist Papier. Oder Luft.
Ich kann hören, wenn ich zeichne. Die feinen Abstufungen in den Grauwerten der Bleistiftlinien verändern sich durch Tempo und Druck meiner zeichnenden Hand. Für das Auge sind die Schattierungen wie Schallwellen für das Ohr: ein an Lautstärke zunehmender oder auch anschwellender Ton.*
Manchmal zeichne ich eine Zeichnung immer wieder und jedes mal wird es eine andere. Ich bilde nach, verfremde, wiederhole und zeichne neu. Abweichungen, Ähnlichkeiten und Unterschiede sind es, die mich interessieren und die immer neue Assoziationen wach rufen. Und so besteige ich auch die Leiter immer wieder aufs Neue. Je nach dem, von welcher Höhe ich schaue, ändert sich mein Blickwinkel zur Welt.
*(Einen ähnlichen Vergleich wählt William Hogarth in Kapitel XII seiner "Analysis of Beauty" von 1753.)


Staffellauf – Zeichnen als Bewegungsform
Margarete Lindau 2013

Neben der körperlichen Bewegung im Akt des Zeichnens wähle ich eine Arbeitsweise, in der der zeichnerische Prozess (dessen Eigenschaft improvisatorisch, also beweglich ist) im Vordergrund steht. Eine zeichnerische Bewegung geht in eine neue über. Ihr folgen, wie in einer Kettenreaktion, weitere Bewegungen. Die Zeichnungen entstehen aus dem Stegreif. Ich bin beim Zeichnen von vielen Parametern abhängig. Sie werden in die Zeichnungen hinein fließen, obgleich ich oft mit einer spröden, den individuellen Duktus einschränkenden Zeichenhilfe arbeite: dem Lineal. Ich lote die Möglichkeiten mit reduzierten zeichnerischen Mitteln aus. Dabei wächst eine Zeichnung aus der nächsten. Variation folgt auf Variation. Das Zeichnen wird zum Staffellauf: ich bin der Läufer, die Zeichnung der Stab. Eine Zeichenserie gleicht einer Staffel – bei der Übergabe des Stabes werden Impulse weitergeleitet. Die Zeichnungen stehen in Abhängigkeit voneinander, sie beeinflussen sich gegenseitig. Der Zeichenprozess ist dynamisch, die Arbeitsweise ist bewusst ergebnisoffen. Der Zustand, in dem eine Zeichnung fertig ist, wird immer wieder in Frage gestellt.


zum Zeichnen
Margarete Lindau 2011

Ich schichte. Überlagerungen erzeugen Dichte. Ich dichte und verdichte Striche, die Striche verdichten sich. Vielschichtigkeit bedeutet für die Zeichnung auch Mehrdeutigkeit. Wer deutet? Was bedeutet mir das Zeichnen?

Ich zeichne im Stehen. Lange Striche benötigen langen Atem, lange Arme, ein langes Lineal, Hauptsache, es rutscht nicht ab. Wenn ich sitze, müde bin, meine Hände kalt, verändert das Intensität und Gestik der Zeichnung. Meine Emotionen hinterlassen Spuren. Ich richte die Lampe, meinen Oberkörper näher an das Blatt heran. Mein Auge erfasst nur Teile der Zeichnung. Ich muss zurücktreten, um das Ganze zu sehen. 

Das Bild ist die Zusammenfügung von Details. Die Spielregeln sind klar: Ich begrenze mein zeichnerisches Repertoire auf die mit Bleistift und Lineal gezogene Linie. Die Einschränkung eröffnet mir Spielräume und grenzenlos viele Kombinationsmöglichkeiten der Linienführung und ihrer Strukturierung.

Dann schaffe ich es, vom Boden abzuheben, den festen Grund zu verlassen, für eine Zeit schwerelos zu werden. Man steigt auf, um eine Richtung einzuschlagen. Zum Fliegen brauche ich Flügel, zum Zeichnen nicht. (Abstürzen kann ich so oder so.) Wenn ich fliegend zeichne, verteilen sich die Linien still auf dem Papier. So leicht wie Samen mit ihrem Fallschirm.

Viele Striche bilden einen Schwarm. Viele kann man nicht zählen. Zusammen geben sie eine Richtung an, eine Linkskurve. Es wird umgesiedelt, Ströme werden in Bewegung gesetzt. Bei Vögeln oder Bienen – um aufs Fliegen zurückzukommen – ist das Umsiedeln ein natürlicher, ein selbstverständlicher Prozess. Man siedelt nicht allein.

Ich streue die Linien auf das Blatt. Sie richten sich aus, als würden sie magnetisch angezogen, oder stäuben wie bei einer Explosion auseinander. Die Linien orientieren sich, richten sich aus. Wenn Linien fliehen, können sich Perspektiven eröffnen. Was ich nicht sehe, ist das Ziel der Linien. Das Ziel ist nicht gesteckt, es wird gesucht.

Jeder Strich hat sein eigenes Tempo. Beschleunigung und Verlangsamung charakterisieren die Linie. Die Zeichnung ist flüchtig. Mit jedem Strich verändert sie sich. Mit jeder Stunde verändert sie sich. Morgen ist die Zeichnung schon nicht mehr das, was sie heute war. Der Prozess des Zeichnens ist wie ein Tanz. Was bleibt, wenn die Musik aus ist? Was ist Zeichnung, wenn das Zeichnen abgeschlossen ist?